Glosse von Lilian Kura: “Ich bin Freiberuflerin. Werbetexterin, um genau zu sein. Und ich habe Kinder, zwei an der Zahl. Die ich sehr liebe, wohlgemerkt – was mich aber nicht im Geringsten daran hindert, sie manchmal herzhaft zu verfluchen! Zum Beispiel dann, wenn ich EIGENTLICH mit einem Kunden telefonieren müsste.”

4jährigSo geschehen – peinlich, peinlich – vor etwa einem Vierteljahr:

Mit den Kindern im Schlepptau betrete ich soeben den Flur, lasse Taschen, Rucksäcke & Co. fallen und winde mich mit einem Arm aus der Jacke. Töchterlein Liebreiz, 4 Jahre, zickt wie immer und wegen allem. Da klingelt das Telefon. Ich eile, die Jacke noch an einem Ärmel am Boden nachschleifend, mit dem „Schnurlosen“ ins Büro, um eine Tür hinter mir zumachen zu können. Denn auf dem Display – hurra! - sehe ich die Nummer meines derzeit zahlungskräftigsten Kunden, auf dessen Rückruf ich dringend warte. RICHTIG dringend, um genau zu sein, denn es geht um die Honorarabstimmung für ein neues, großes, sehr lukratives und überaus prestigeträchtiges Projekt. Ein kleiner Exkurs: Dieser Kunde ist wirklich, wirklich sehr nett. Er weiß, dass ich meinen Job gut mache, aber auch, dass ich Kinder habe. Er weiß auch, dass bei Anrufen am Nachmittag – weil Nachmittag nix offizielle Bürozeit – fast grundsätzlich mit kindlichem Hintergrundgeblöke zu rechnen ist. Unsere Gespräche beginnen deshalb immer mit einem freundlichen „Geht´s denn gerade?“ Nun ja. Aber zurück zur versprochenen Peinlichkeitsanekdote.

Ich verkrümle mich also unter dem Protest meiner zickenden Nachfahrin ins Büro, das Telefon klemmt bereits zwischen Ohr und Schulter, ich habe bereits abgehoben und mich freudig-halbprofessionell gemeldet. Doch leider vermasselt mir nun die Jacke voll die Tour, indem sie mit ihrem am Handgelenk baumelnden Gewicht die den Hörer einklemmende Schulter herunterzieht. Sie ahnen es: Natürlich kracht das Telefon auf den Boden. Kunde: „Hallo? Hallo, Frau Kura? Ist Ihnen was passiert?“. Ächzend, weil die Hose kneift, hebe ich es auf und sage so kompetent wie möglich „ups, Entschuldigung, mir ist bloß gerade das Telefon ausgekommen.“ Währenddessen hat sich Miss Hollywood, an der Klinke hängend, mehrmals voller Wut mit der ganzen Wucht ihrer 14 Kilo gegen die Bürotür geschmissen; diese ist jetzt offen, und nun steht dieses kleine Ungetüm gerade mal einen Meter vor mir und plärrt ungefiltert aus Leibeskräften:

„MAMAAAAA! Du sollst KOMMEN! Meine SCHEIDE JUCKT!!!! Tu eine CREME drauf!!!!“ Der Kunde: „Sind Sie sicher, dass ich nicht lieber in zehn Minuten nochmal anrufen soll?“ Und fragen Sie nicht, welcher Teufel mich geritten hat (wahrscheinlich wollte ich mir einen letzten Rest Würde bewahren oder so), dass ich meinte: „Nein, nein, das geht schon.“ Hätte ich doch bloß nicht ... denn als er nun loslegt mit den wichtigen Details des aktuellen Auftrags, krabbelt der allover in Rosa gewandete, als Vierjährige verkleidete Satansbraten auf meinen Schoß und versucht es mit der Schmusenummer. Kennen Sie die Mama-telefoniert-Schmusenummer? Ort des Geschehens ist grundsätzlich diejenige Backe, welche der Sprechmuschel am nähesten ist. Dabei wird lauthals geschnauft und geflüstert, Konzentration: unmöglich. Ich bedecke also den Hörer vermeintlich schalldicht mit der Hand und zische bösartig: „Halt jetzt die Klappe!“ ... wovon sich der Kunde leider zunächst tatsächlich angesprochen fühlt. Aber nein, natürlich galt das der kleinen Zicke hier, wiegle ich ab, und uff: er lacht. Ich, die inkompetenteste Mutter aller Zeiten, saß jedoch da mit hochroter Birne: zuerst der Telefonabsturz. Dann die juckenden Geschlechtsteile. Und schließlich eine energische Zurechtweisung im Xanthippen-Ton. Au weia …

Wie es weiterging, wollen Sie wissen? Der gute Mann hat so gelacht, dass er nur noch japsen konnte: „Wissen Sie was? Ich fasse Ihnen das alles einfach in einer schönen Mail zusammen. Und Sie gehen jetzt mal lieber spielen, damit da a Ruh ist.“

Können Sie verstehen, warum ich diesen Kunden liebe? …


Lilian Kura, www.textup.de

# Link | Melody | Dieser Artikel erschien am Donnerstag, 04. Mai 2006 um 11:56 Uhr in Unterhaltung, Gedichte und Geschichten | 4981 Aufrufe | 0 Kommentare | Kommentare per RSS-Feed abonnieren


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