Zonk. Wieder ist eine schwanger. Und ich erstarre in höflicher Verzweiflung, weil mir keine der Damen eine Gebrauchsanweisung erteilen kann - wie spricht man angemessen mit werdenden Müttern, wenn es um den im Bau befindlichen Ableger geht?

Oh Baby. Es hat Zonk gemacht.Die eine hat panische Angst - die nächste eine fast unglaubliche Sicherheit, der einen ist schlecht, einer anderen natürlich niemals und so weiter. Wer neu im Geschäft ist, die liest sich eifrig in das Thema ein und umgibt sich mit dieser angehenden Aura. Notfalls mit Gewalt.

Als kinderfreie Über-Dreißigerin ohne drohend tickende biologische Uhr zwirbele ich hilflos eine Haarsträhne oder einen Katzenpuschel zwischen den unbeschäftigten Fingern und weiß nicht, was ich sagen soll.

Glückwunsch, klar. Aber das ist dann schnell erschöpft.

Die ersten drei Monate ist den meisten übel. Der vierte und fünfte Monat sind von Kreativitätsschüben geplagt, soweit ich das nun mitbekomme. Dass man danach erst mal 15 bis 20 Jahre keinen ernstzunehmenden Freiheitsdrang mehr zu pflegen braucht, das steht schon mal fest.

Fassungslos stellt man fest: Wer trägt, hat Mitleid mit denen, die es gerade nicht tun. Und umgekehrt. In beiden Fällen völlig unangebracht, da bin ich mir sicher. Das tiefe Mitgefühl der Erschwangerten mit den armen Nichtmüttern lässt sich noch am ehesten ignorieren: Wir wissen schließlich alle, wie Hormone ein Frauenleben empfindlich stören können. Und was die restlichen Gespräche angeht ...

Für den praktischen Teil gilt: Übung macht den Meister. Doris hab ich verblüfft mit dem Fachwissen über Kinderhochstühle, von ihr dann was über Babynahrung und Nachtkerzenöl bei Neurodermitis gelernt, damit wiederum die nächste erstaunt, die das nicht wusste ... und so weiter. Ich nicke und ich staune und ich habe nicht die allergeringste Ahnung, worüber ich mit diesen doppelten Personen reden soll, die alle auf mich wirken, als würden sie gleich anfangen, die Sofakissen auseinander zu rupfen, um sich damit ein Nest zu bauen. Hülfe!

Versteht mich bitte nicht falsch. Ich hab nix gegen Kinder, auch nichts gegen Babys und schon gar nichts gegen Mütter. Einige meiner besten Freunde werden irgendwann Mütter sein.

Ich habe bloß keine Ahnung, wie man solche Gespräche führt - und bei weitem nicht alle schwangeren Damen haben das Internet, um sich Gleichgesinnte zu suchen! Manche erzählen einfach alles drauflos und ich habe keinen Schimmer, was eine sichere Antwort sein kann - wenn jemand Angst hat - keine Angst hat - einen Jungen will - keinen Jungen will - und so weiter.

Es waren doch gute Sitten, als man erst verschämt und mit rosigen Wangen das süße Geheimnis gestand, wenn die Taille sich rundete und die Adleraugen und scharfe Zunge der holden Schwiegermama die neue Familie rücksichtslos outeten. Man musste keine Bilder angucken, auf denen das Innere einer Wäschetrommel zu sehen war und auf dem offensichtlich alle außer einem selbst große Ähnlichkeiten mit allen noch vorhandenen Ahnen aufspürten.

Niemand wollte wissen, ob Rebanna-Tasmea Jasmina ein unendlich toller Name ist und ob Jungs später dabei verständnisvoll unterstützt werden müssen, wenn sie Barbiepuppen im Intimbereich rasieren. Es reichte, wenn man sich mitfreute - man musste anschließend kein ernstes Gespräch über “bleib ich zuhause und bin ich bloß verblödete Mutter oder arbeite ich weiter und bin eine geldgeile Karriereziege” führen.

Keine erzählte sich und anderen schon vorher von Spritzen ins Rückenmark und Kaiserschnitten (uaaaaaaah) und Wochenflussbinden mit oder ohne Plastikauflage, da bin ich ziemlich sicher! Und ganz bestimmt gab es keine Listen unter dem Motto “Bernhard-Ottokar und ich suchen uns lieber selbst Geschenke aus und wollen entweder Bargeld oder folgende ökologisch wertvolle Baby-Überlebensausrüstung ...”

Oh Baby. Nun reiche mir doch bitte endlich einer eine Gebrauchsanleitung für diese Gespräche.

*


»Fruchtbarkeits-Glosse« von Carola Heine
http://www.carola-heine.de

# Link | Melody | Dieser Artikel erschien am Donnerstag, 13. September 2012 um 00:07 Uhr in Unterhaltung, Gedichte und Geschichten | 5813 Aufrufe | 0 Kommentare | Kommentare per RSS-Feed abonnieren


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