von Dr. Birgit Ebbert

“Ich möchte eine Anzeige erstatten!” Die Polizisten auf dem Polizeirevier in Gälliväre staunten nicht schlecht, als sie den kleinen Jungen sahen, der da vor ihnen stand.

Lausebengel“Warum willst du denn eine Anzeige erstatten?”, fragten sie verwundert.

“Wegen körperlicher Züchtigung. Das ist verboten, unser Lehrer hat uns das in der Deutschstunde erzählt.” Selbstbewusst schaute der Junge, der ungefähr acht Jahre alt sein mochte, die beiden Polizisten an.

“Soso”, meinte einer der Polizisten. „Du kennst dich ja gut aus. Aber du musst uns schon genauere Angaben machen. Wo hast du denn beobachtet, wie jemand geschlagen wurde? Wir können hinfahren und nachsehen.”

“Ich!”, sagte der kleine Junge und reckte sich, damit er über den hohen Tisch sehen konnte.

“Was soll das heißen: ich?”, fragte der Polizist. Allmählich begann er, sich über den Jungen zu ärgern.

“Na, ich wurde geschlagen”, berichtete der Knirps daraufhin.

“Aha! Also wollen wir mal eine Anzeige aufnehmen. Dann erzähle mal. Doch zuerst musst du mir sagen, wie du heißt, wie alt du bist und wo du wohnst.” Nun begann die Sache dem Polizisten Spaß zu machen. Das war ja besser, als langweilige Akten zu ordnen.

“Ich heiße Jan Svenson, bin elf Jahre alt und wohne in Gälliväre”, sagte Jan und der Polizist schrieb es auf. “Und wen willst du anzeigen?”

“Herrn und Frau Svenson”, antwortete der Junge wie aus der Pistole geschossen.

“Sind die mit dir verwandt?”, wollte der Polizist wissen und ließ den Stift fallen, als der Junge sagte: “Es sind meine Eltern.”

“Du willst deine eigenen Eltern anzeigen? Warum denn das?” Der Polizist starrte fassungslos auf den Jungen, dessen Nase gerade bis zur Kante des Tresens reichte. Der Junge starrte ungerührt zurück. Fast wirkte sein Blick ein wenig mitleidsvoll, als er sagte: “Weil sie mich geschlagen haben, das habe ich doch schon gesagt.”

“Aber kennst du denn niemanden, der die Anzeige für dich erstattet?” Dem Polizisten kam die Sache doch komisch vor.

“Wieso? Darf ich meine Eltern denn nicht anzeigen?” Der Junge schien sich seiner Sache ziemlich sicher.

“Ich glaube schon.” Der Polizist musste sich geschlagen geben. Ein solcher Fall war ihm noch nicht begegnet. “Dann sag’ mir doch, was passiert ist.“, fragte er mit einem tiefen Seufzer.

“Was soll ich da groß erzählen. Sie schlugen auf mein Hinterteil. Das ist alles. Reicht das nicht?” Der Junge war scheinbar nicht bereit, nähere Angaben zu machen.

“Doch, doch”, versicherte der Polizist. “Hier tritt das Anti-Prügel-Gesetz in Kraft, das 1979 erlassen wurde. Aber zuerst muss ich einen Bericht schreiben, damit gegen deine Eltern etwas unternommen werden kann.”

“Beeilen Sie sich aber bitte mit der Anzeige gegen Herrn und Frau Svenson, ich habe nämlich nicht viel Zeit”, drängte der Junge.

“Kinder haben es aber auch immer eilig”, brummte der Polizist und wandte sich seinem Computer zu, um die merkwürdige Anzeige fertig zu schreiben.

“Wo musst du denn noch hin?”, mischte sich ein anderer Polizist ein.

“Ich muss noch schnell einen Strauß Blumen kaufen, bevor die Geschäfte schließen”, erwiderte der Junge und zappelte ungeduldig. “Morgen ist doch Muttertag!”

*
Birgit Ebbert
www.lernberatung.info

# Link | Melody | Dieser Artikel erschien am Sonntag, 10. Juni 2012 um 16:08 Uhr in Unterhaltung, Gedichte und Geschichten | 6491 Aufrufe | 0 Kommentare | Kommentare per RSS-Feed abonnieren

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