Von Gaby Barg

Mein liebes Mäuseken,  als du gestern anriefst, wusste ich gleich, dass du was auf dem Herzen hast…

“Maaamiii….”

Du bist jetzt 22 Jahre alt und gut einen halben Kopf größer als ich, aber wenn Mami was für dich machen soll, ist deine Stimme noch genau so piepsig und treuherzig wie damals, wenn du mit deiner kleinen Plüschente in der Hand vor mir standest: “Maaamiii, guck mal, mein ‘Piep’ hat’n Loch in sein Kopf, machste wieder heile…?”

Die Plüschente gibt es noch heute, von dir sorgsam vor deinem Freund versteckt und noch immer heiß geliebt, bloß ist fast kein Plüsch mehr an dem Viech, aus dem quietschgelb ist ein undefinierbares grau geworden und der Hals ist doppelt so lang wie vor 22 Jahren, denn du hattest deinen “Piep” sagenhafte 18 Jahre lang jede Nacht beim Einschlafen ganz fest in der Hand…

“Maaamiii…”

Ich habe den Verdacht, dass du es jedes Mal tierisch genießt, wenn ich mal wieder dasitze und für dich Dinge erledige, die du eigentlich schon längst selbst auf die Reihe bekommen müsstest und die du angeblich “nicht kannst”. Du heuchelst mühsam ein schlechtes Gewissen, hörst dir scheinbar reumütig mein Gezeter an - aber ich schau in deine blitzenden Augen und weiß: In Wirklichkeit fühlst du dich sauwohl, wenn “Mami hilft” und dich mal wieder - zähneknirschend und wohl wissend, dass das grottenfalsch ist - wie ein kleines Mädchen behandelt.

Mäuseken, du bist schon längst erwachsen, führst dein eigenes Leben, hast einen verantwortungsvollen Beruf - und brauchst noch immer so unendlich viel von meiner Liebe und Wärme und Geborgenheit…

Du bist nicht so wie andere junge Frauen in deinem Alter, du hast nie gegen meine Liebe rebelliert - nein, DU hast dagegen rebelliert, als ich dich loslassen wollte. Hast mit siebzehn Jahren Rotz und Wasser geheult, als ich dir sagte, dass du ab sofort selbst entscheiden darfst, um wieviel Uhr du abends nach Hause kommst. “Ist dir das jetzt egal, oder was?” hast du mich angefaucht. Nein, natürlich war’s mir NICHT egal, ich wollte dir bloß ein bisschen mehr Entscheidungsfreiheit geben. Aber du wolltest keine Freiheit, du wolltest behütet werden. Und hast unerschütterlich auch weiterhin gefragt, wann du heimkommen sollst. ...

“Maaamiii…”

Ach, Entschuldigung, ich hab gerade ein bisschen von früher geträumt. Ja, klar kannst du heute herkommen und ich bring das mit deiner Autoversicherung für dich in Ordnung. Ich schmeiß meine eigenen Pläne wieder mal stillschweigend über den Haufen, koch dir dein Lieblingsessen, schau mit dir drei Stunden lang Talkshows, weil du “so gerne mit Mami zusammen Talkshows guckst”, telefoniere stundenlang in der Gegend herum, damit du endlich eine vernünftige Autoversicherung bekommst, schau mir mit dir zum tausendsten Mal deine Kinderfotos an, weil du die so gerne siehst, hör dir geduldig zu, als du mir ganz stolz erzählst, dass du gerade mit dem Rauchen aufgehört hast (während du mir mit unschuldsvoller Miene meine letzten Zigaretten wegqualmst), bekomme langsam Kopfschmerzen, weil du den ganzen Tag schnatterst wie eine Ente, drehe dir in Gedanken mindestens drei Mal den Hals um, weil du mich keine einzige Minute mal verschnaufen lässt, atme heimlich auf, als ich abends deinem Auto hinterherwinke - und liebe dich abgöttisch. Schade, dass du schon heim musstest, es war so ein wunderschöner Tag voller inniger Liebe… Und kaum bist du zuhause, rufst du an.

“Maaamiii…”

Nein, natürlich bist du mir nicht auf den Geist gegangen. Ja, ich fand auch, dass das ein besonders schöner Tag war. Ja, ich hab dich auch lieb. Nein, keine Sorge, NATÜRLICH helf ich dir auch in Zukunft - auch wenn ich dir heute gesagt habe, dass das endgültig das letzte Mal war, dass ich dir deinen Krempel erledigt habe. Aber das hast du mir sowieso nicht geglaubt, weil ich das IMMER sage. Aber diesmal hab ich’s wirklich ernst gemeint. Ja, ja, ich weiß, DAS sag ich auch immer…

“Maaamiii…”

Ja, natürlich weiß ich, dass du mich tierisch lieb hast. Ich fühle das. Und ich weiß das, weil ich niemanden kenne, der mit so unendlich liebevollem Blick seine Mutter anschaut wie du. Und mit 22 Jahren quer durch den Supermarkt “Juhuuu, Maaamiii!” quietscht und an der Käsetheke mit seiner Mutter Händchen hält und ihr “Hach, ich könnt dich den ganzen Tag knuddeln!” ins Ohr flüstert…

Brief einer Mutter“Maaamiii…”

Ja, ich weiß, wenn du das nächste Mal kommst, back ich dir deinen blöden Rosinenkuchen, ich hatte ein ganz schlechtes Gewissen, als ich gesehen hab, dass du dich heimlich in der Küche umgeschaut hast, aber dafür hatte ich heute nun wirklich nicht auch noch Zeit…

Mäuseken, du bist eine ganz fürchterliche Nervensäge, aber ich liebe dich unbändig!

Deine Mami


Copyright: Gaby Barg, Autorin und Texterin
http://www.gabybarg.de

# Link | Melody | Dieser Artikel erschien am Mittwoch, 06. Juni 2012 um 00:05 Uhr in Unterhaltung, Gedichte und Geschichten | 21961 Aufrufe | 0 Kommentare | Kommentare per RSS-Feed abonnieren


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